Arbeitsunfähigkeit und genesungswidriges Verhalten

Von: Johanna Rickert    |    Datum: 14. April 2019

In meinem letzten Blogbeitrag ging es um die Do’s and Don’ts während der Arbeitsunfähigkeit. Aber was kann dem Arbeitnehmer eigentlich passieren, wenn er sich genesungswidrig verhält? Das und Mehr erkläre ich im folgenden Beitrag.

Ein Beispiel aus der Praxis: Ein Arbeitnehmer ist an einer Grippe erkrankt. Der Arzt schreibt ihn zunächst für eine Woche krank und verordnet ihm Bettruhe. Am Ende der Woche fühlt sich der Arbeitnehmer schon fitter, geht zur Geburtstagsfeier eines Freundes und feiert bis in die frühen Morgenstunden. Am nächsten Tag fühlt er sich schlechter als zu Beginn der Woche und lässt sich schließlich von seinem Arzt eine weitere Woche krankschreiben. Der Arbeitgeber erfährt vom Partybesuch seines Arbeitnehmers über einen Post bei Facebook. Mit welchen Konsequenzen muss der Arbeitnehmer rechnen?

Zunächst stellt sich die Frage, wie es sich mit dem Gehaltsanspruch für die zweite Krankheitswoche verhält. Eine der Voraussetzungen für einen Anspruch auf Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall ist nämlich, dass der Arbeitnehmer infolge einer Krankheit an seiner Arbeitsleistung verhindert ist, ohne dass ihn ein Verschulden daran trifft. Hat der Arbeitnehmer seine Arbeitsunfähigkeit also selbst verschuldet, so entfällt die Pflicht des Arbeitgebers zur Entgeltfortzahlung. Aber in welchen Fällen liegt ein Verschulden des Arbeitnehmers vor? Das Bundesarbeitsgericht nimmt ein Verschulden immer dann an, wenn in dem Verhalten des Arbeitnehmers ein grober Verstoß gegen das eigene Interesse eines verständigen Menschen liegt. Es muss also der jeweilige Einzelfall betrachtet werden. Einige Beispiele:

  • Beinbruch während eines Fußballspiels: Die Rechtsprechung unterscheidet bei Sportunfällen zwischen gefährlichen und ungefährlichen Sportarten und stuft das Fußballspiel im Amateurbereich als ungefährliche Sportart ein. Bricht sich ein Arbeitnehmer beim Spiel ein Bein, fällt dies unter das allgemeine Lebensrisiko und ein Verschulden ist auszuschließen.
  • Verletzungen durch einen Verkehrsunfall unter Alkoholeinfluss: Fährt ein nicht alkoholabhängiger Arbeitnehmer unter massivem Alkoholeinfluss Auto, verursacht dadurch einen Verkehrsunfall und erkrankt infolge dessen arbeitsunfähig, trifft ihn ein Verschulden an der Arbeitsunfähigkeit und der Anspruch auf Entgeltfortzahlung entfällt. Gleiches gilt übrigens wenn die Arbeitsunfähigkeit dadurch entsteht, dass ein Arbeitnehmer mit stark überhöhter Geschwindigkeit einen Unfall verursacht hat und dadurch arbeitsunfähig erkrankt.
  • Schönheits-Operationen: Unterzieht der Arbeitnehmer sich einem medizinisch nicht indizierten Eingriff und erkrankt durch Komplikationen arbeitsunfähig, wird ein Verschulden in der Regel bejaht.

Neben dem Verlust des Entgeltfortzahlungsanspruchs können auch arbeitsrechtliche Konsequenzen drohen, wenn der Arbeitnehmer seine arbeitsvertraglichen Pflichten nicht erfüllt. Dem Arbeitnehmer kann zwar nicht vorgeschrieben werden, sich heilungsfördernd zu verhalten, er hat aber alles zu unterlassen, was die Genesung verzögert. Bei genesungswidrigem Verhalten kann der Arbeitgeber gegenüber dem Arbeitnehmer eine Abmahnung aussprechen die im Wiederholungsfall auch die Kündigung des Arbeitsverhältnisses rechtfertigen kann. In gravierenden Fällen kann ausnahmsweise auch die außerordentliche fristlose Kündigung des Arbeitsverhältnisses ohne vorherige Abmahnung gerechtfertigt sein. So hat das Bundesarbeitsgericht die außerordentliche Kündigung eines wegen einer Hirnhautentzündung arbeitsunfähig erkrankten Arbeitnehmers für wirksam gehalten, der während der Arbeitsunfähigkeit in den Skiurlaub fuhr (BAG, Urteil vom 02.03.2006 – 2 AZR 53/05).

Zurück zum eingangs geschilderten Beispiel des an einer Grippe erkrankten Arbeitnehmers: Gelingt es dem Arbeitgeber darzulegen, dass der Arbeitnehmer durch den Partybesuch seine Genesung verzögert hat, hat der Arbeitnehmer keinen Anspruch auf Entgeltfortzahlung in der zweiten Woche der Arbeitsunfähigkeit. Ebenfalls müsste der Arbeitnehmer mit einer Abmahnung rechnen. Ob das Verhalten eine außerordentliche Kündigung rechtfertigen würde ist von den Gesamtumständen des Arbeitsverhältnisses abhängig, jedoch eher unwahrscheinlich.

Wenn Sie als Arbeitgeber oder Arbeitnehmer von solch einer Situation betroffen sind, stehe ich Ihnen gerne als Ansprechpartnerin zur Seite.

In meinem nächsten Blogbeitrag wird es darum gehen, welche Möglichkeiten Arbeitgeber haben wenn sie trotz Vorlage einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung den Verdacht haben, der Arbeitnehmer mache „blau“.

Kontakt

Rechtsanwältin Johanna Rickert

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2019-04-15T09:08:04+00:00